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Am Rheinstrom
(um 1923)

 
...Unablässig, unaufhaltsam strömte breit der Strom. Auf seinem willfährigen Rücken trug er Riesenleiber voll Erze und Koks, Getreide und Holz in langen Reihen. Schwarzer Rauch entquoll in dicken Wolken den Schloten, zerwehte allmählich zu hauchzarten Schleiern und entschwebte träge über die Ebene. Am Horizont wanderte die Sonne und sank.

Klatschend schlugen die Radschaufeln eines Personendampfers, bunte Fähnlein an allen Masten, die erschreckt aufgischtende Flut. Im Fächer schräg fortrollender Wogen verlief sich die Beunruhigung des Wassers; mit weißen Schaumrändern verrauschte sie, hurtig enteilend, die flachen, sandigen Ufer entlang. Fern hob und senkte sich, in ungestüm schwingendem Auf und Ab, ein Fischerkahn. Immer langsamer, weicher, schwebender wurde seine Bewegung. Dann lag er still, ein Bild des Friedens, auf dem sanft dahingleitenden Band.

Der Strom war zu sich selber zurückgekehrt, zu seiner Besinnlichkeit und seinem Gleichmut, zu seinem unbeirrbaren, gelassenen Dahintreiben. Daß einer an seinem Ufer saß auf dem Stumpf einer Weide und über sein Wesen sann, es störte ihn nicht. Vielleicht nahm er meiner auch nicht einmal wahr, so stumm und regungslos kauerte ich, zu mir selber zurückgekehrt und den Gesetzen vertrauend wie er.

... Ein plötzliches Ergriffensein ließ mich von meinem Weidenstumpf aufstehen, und in demselben Augenblick überlief mich eine Erinnerung. Ich blickte um mich und hob einen Kiesel auf, einen glatten, talergroßen Stein. Ich wendete ihn hin und her und betrachtete ihn eine Weile aufmerksam. Dann schleuderte ich ihn weit in den Strom. Ich hörte das kurze, hohle Zischen des Einschlags, ich sah das zuckende Aufschrecken der Flut, eine winzige, kaum merkliche Verwirrung der Oberfläche, - dann lag sie wieder beruhigt, und weiter glitten die Wasser, unaufhaltsam, unbeirrbar, in feierlicher Gelassenheit dem Meere zu.

(aus: Werner Oellers, Die neuen Augen, 1940)
 
 

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