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Brief aus Köln - 1333

 
Aus: Die Briefe des Francesco Petrarca, Berlin 1931.

Ich hatte Aquae (Aachen) verlassen, und die Agrippina Colonia nahm mich auf, die am linken Rheinufer gelegen ist, ein Ort berühmt durch seine Lage am Strom, berühmt durch seine Bevölkerung. Erstaunlich, wie groß im Barbarenlande die Gesittung, wie schön der Anblick der Stadt, wie gesetzt die Haltung der Männer, wie schmuck das Gebaren der Frauen! Zufällig war gerade Johannisabend, als ich dort anlangte, und die Sonne neigte sich schon gen Westen. Sogleich bringt mich das Zureden der Freunde - denn auch hier hat mir der Ruhm früher Freunde erworben als das Zureden der Freunde - von der Herberge zum Fluss, ein herrliches Schauspiel zu sehen. Und ich ward nicht enttäuscht. Das ganze Rheinufer war nämlich bedeckt von einer riesenhaften, glänzenden Schar von Frauen. Ich stutzte. Gute Götter! Was für Gestalten, was für Gesichter, welch eine Haltung! In Liebe hätte entbrennen können, wer nicht schon ein gebundenes Herz mitgebracht hätte.

Ich hatte mich auf einem etwas höherem Fleck aufgestellt, von dort auf das, was sich abspielte, zu schauen. Es war ein unglaublicher Zulauf ohne Gedränge. Manche waren mit duftenden Kräutern umwunden und hatten die Ärmel über die Ellenbogen zurückgestreift. Sie wuschen in fröhlichem Durcheinander die weißen Hände und Arme in reißendem Strom und mit fremdländischen Murmellauten sagten sie dabei etwas Reizendes. Kaum irgendwo habe ich noch so klar verstanden, was dem Cicero zu sagen blieb, dass nämlich alle Menschen, wenn sie unbekannte Sprachen hören, gewissermaßen taub und stumm sind. Der einzige Trost für mich: es fehlte nicht an liebenswürdigen Dolmetschern. Als ich also einen aus jener Zahl bewunderten und unkundig des Sachverhalts mit einem Vergilspruch fragte: „Was will der Zulauf zum Strom? Was erstrebt das Gemüt?“ empfing ich die Antwort: Es sei ein uralter Landesbrauch, und besonders das Weibervolke bilde sich fest ein, jedwedes für das ganze Jahr etwa drohende Unheil werde reinigend weggespült durch die Waschung an diesem Tage, und im Verfolge werde nur Erfreuliches eintreffen; daher denn diese Läuterung alljährlich mit stets unerschöpflichem Eifer begangen werde und auch zu begehen sei.

Dazu sagte ich lächelnd: O überglücklich seid ihr, Anwohner des Rheins, wenn dieser euch das Elend abwäscht; das unsere abzuwaschen hat weder der Po je vermocht noch der Tiber. Ihr sendet euer Leid den Britanniern mit dem Fährmann Rhein hinüber, wir würden das unsre gern den Afrern und Illyrern schicken. Aber wir haben, wie leicht zu erkennen, trägere Flüsse.

Da erhob sich ein Gelächter. Es war spät geworden, und wir gingen heim. An einigen der folgenden Tage wanderte ich von früh bis abends mit den gleichen Führern in der Stadt umher, eine nicht unangenehme Aufgabe, nicht einmal so sehr wegen all dessen, was einem vor Augen stand, als in der Erinnerung an unsere Vorfahren, die so fern vom Vaterlande solch herrliche Denkmäler römischer Größe hinterlassen haben. In erster Linie drängte sich mir Marcus Agrippa auf, der Gründer dieser Colonia, der diese Stadt vor allem würdig hielt, ihr seinen Namen beizulegen; er, ein als Bau- und Kriegsherr hervorragender Mann und von Augustus allein auf dem ganzen Erdkreis für würdig befunden, sein Schwiegersohn zu werden, als Gemahl einer Tochter, die sein geliebtes einziges Kind war.

Ich sah die vielen Tausend gleichzeitig verstümmelter Körper heiliger Jungfrauen und die Erde, die ihren hochedlen Reliquien geweiht ist und die, wie man sagt, die unedlen Leichen ausgetrieben hat. Ich sah das Kapitol, das Abbild des unsrigen - nur dass statt des Senats, der bei uns über Krieg und Frieden Rat hält, dort schöne Jünglinge und Mädchen gemischt in ewiger Eintracht nächtliche Lobeshymnen singen. Ich sah inmitten der Stadt die überherrliche, obschon unvollendete Domkirche, die man nicht ohne Grund die allerhöchste nennt. Anbetend betrachtete ich dort der Magierkönige Leichname, der Könige, von denen wir lesen, dass sie erstens dem Himmelskönig, da er wimmernd in der Krippe lag, Geschenke und Verehrung darbrachten.

Am 29. Juni reiste ich ab von Köln, bei so starker Sonne und Staub, dass ich oft „Alpenschnee und Eisesstarre des Rheins“ von Vergil mir ausbat.

 
 

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