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Eisgang
 
aus: Wilhelm Schmidtbonn (1876-1952), Rheinische Geschichten, 1929 (1942)

… Das Moseleis kam zuerst. Genau zur Minute rückte es an, pünktlich wie ein von Menschenhand geordnetes Schauspiel, fast ohne Vorboten, in gerader, abgegrenzter Linie, die sich über den ganzen Strom bis zum anderen Ufer hinzog. Die Schollen waren klein, kreisrund, schwarz und durchsichtig wie Glas. Hier schoben sich zwei mit den Rändern, wie zwei Zahnräder, aneinander vorbei, indem sie sich um sich selber drehten. Da strebte eine von ihren Nachbarn weg und schoß, mitten durch eine andere Schar anderer hindurch, auf eine ganz bestimmte zweite hin, an die sie sich festhing und die sie nicht mehr losließ. Jedesmal, wenn zwei zusammenstießen, gab es das scharfe, klare Klingen, an dem die Schiffer auch bei Nacht das Moseleis erkennen, ein Klingen, wie wenn an Glas geschlagen wird. Und das Klingen all der tausend und tausend Schollen vereinte sich in einen endlosen, singenden Ton, fein und leise, der die feuchte, schwere Luft, wie aus irgendeiner Ferne kommend, durchschnitt. Leicht und flink, schaukelnd und sich drehend, in unaufhaltsamem Vorwärtsschieben schwamm die Masse dahin, kein Ende nehmend. Es war wie ein Tanz, auf den man von oben hinuntersah und der ein schwindelndes Gefühl vor den Augen hervorrief.

Mit der kommenden Dämmerung rückten die Schollen plötzlich enger aneinandergeschlossen heran. Kaum noch eine Lücke war sichtbar. Es war, als ob eine ungeheure Herde Schafe sich in Angst vor den hineinfahrenden Hunden zusammendränge. Der klare, singende Ton begann zu zittern, zu brechen; dumpfe Schläge dröhnten dazwischen, deren Ursache nicht zu erkennen war. Ein merkwürdiges Pfeifen, Zischen, Rollen und Schleifen, dann wieder ein Gurgeln und kurzes Aufbrausen kam immer näher.

Einzelne Schollen zeigten sich, weiß, mit wässerigem Schnee bedeckt, lang und eckig, wie mit Messern abgeschnitten, in den sonderbarsten Umrissen, groß wie kleine Stadtplätze. Sie trugen ganze Berge von kleinen Schollen auf sich und trieben majestätisch in dem Wirrarr der tausend kleinen dahin. Immer neue Schollen, die vor ihnen daherflüchteten, nahmen sie, wie ein Teller sich darunterschiebend, auf sich, oder drückten sie mit ihrem mächtigen Gewicht unter sich ins Wasser und ließen sie hinter sich wieder aufsteigen. Wie schleppentragende Dienerinnen hingen die Kleinen sich dann an den Saum der Königin an.

Das Rheineis kam.

Der kleinen, schwarzen Schollen wurden immer weniger, der riesigen, weißen immer mehr. Das helle Klingen war von dem dumpfen, riesenhaften Hallen längst verschluckt worden. Der ganze Strom geriet in Aufregung – ein unablässiges, ungeheures Treiben, keine Sekunde ein Stillstand, ein immer und immer Sichverändern, ein einziger hastender, verzweifelter, knirschender, schreiender Kampf. Ein Drauflosstürmen und Sichwehren, ein Aufbäumen, ein Bersten und Zertrümmern überasll, ein wütendes Kämpfen einzelner und ganzer Massen. Das waren keine Stücke erstarrten Wassers mehr, das waren beseelte Wesen,die von einem übermächtigen Schicksal dahingetrieben wurden, die miteinander rangen um einen Platz an der Oberfläche, die sich nachjagten, sich ersehnend und sich hassend, die sich packten, festbissen und würgten, die sangen und jauchzten, die müde wurden, verzweifelten und starben.

Und den Menschen am Ufer teilte sich die Aufregung dieses Lebens zu ihren Füßen mit. Sie sahen auf den wandernden Strom hinaus, wie in ihr eigenes Leben. Schweigend, atemlos, in einem unerklärlichen Grauen standen sie da, dicke, schwarze Scharen, von dem gelben,immer tiefer sich auf ihre Schultern herabsenkenden Abend eingehüllt. Nur selten flog ein Scherzwort auf, das keinenWiderhall fand.

Die Nacht kam schnell. Der Strom ging mit seinem Weiß in den Schnee des flachen, endlos ansteigenden andern Ufers über, ohne daß noch eine Grenze zu sehen war. Wie die Riesenfinger im Schnee Begrabener starrten noch die einsamen Fabrikschlote drüben schwarz aus dem Weiß heraus. Die sieben Berge oben hatten sich schon in den dicken, dunklen Himmel aufgelöst.
 
 

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