Texte - Gedichte - Aphorismen...  

Köln und Aachen (aus einer Rheinreise von 1828)

 
Johanna Schopenhauer (1766 – 1838)

Der Kölner Karneval: ...Die allgemeine Teilnahme und Freude an dem wiedererweckten Karneval wuchs in den folgenden Jahren fast unglaublich. Die Gesellschaft, die zuerst den glücklichen Einfall gehabt hatte, das Wunder seiner Wiederbelebung auf eine ebenso sinnige wie geistreiche Weise zu bewirken, wandelte sich in ein Komitee um, das zuletzt aus mehr als hundert, vom lebhaftesten Eifer beseelten Mitgliedern bestand. Alljährlich hielt die Gesellschaft, sobald die Faschingszeit wieder herannahte, regelmäßig ihre Zusammenkünfte, bei denen ein aus ihrer Mitte erwählter Präsident den Vorsitz hatte. Mit komischer Feierlichkeit setzte dann jeder seine mitgebrachte Geckenkappe auf, eine kleine, bunte, mit der Zahl 11 bezeichnete Mütze von althergebrachter Form, in der während der eigentlichen drei Faschingstage auch sonst sehr ernste Geschäftsmänner sich frei und öffentlich zeigen, um ihre Teilnahme an dem allgemeinen Feste kund zu tun, das auf kurze Zeit alle Standes- und Geschäftsverhältnisse gleichsam aufhebt...

Die Karnevalszeitung gab damals von diesem wie von allen folgenden Maskenzügen umständlichen Bericht, der dann sogleich in der „Abendteitung“und ähnlichen Tageblättern aufgenommen und dadurch in Deutschland allgemein verbreitet wurde. Was aber diese Blätter unmöglich darstellen konnten, ist die unsägliche Lust, mit der jeder, selbst ohne zu dem eigentlichen Maskenzuge zu gehören, an dem Maskenscherze teilnimmt und sich in ihn hineinfindet, die harmlose Heiterkeit, mit der selbst der persönlich werdende, mitunter zienlich kecke Scherz aufgeniommen und, ohne Erbitterung zu erregen, durch einen ähnlichen erwidert wird. Man muß es sehen, man muß es, von dem allgemeinen Strudel ergriffen, mit erleben, um nur daran zu glauben...

Die Gegend zwischen Köln und Aachen, besonders näher an ersterer Stadt, ist weder schön noch interessant. Flach, öde, baumlos und langweilig zeigt sich das übrigens recht fruchtbar angebaute Land, und das Kölner Steinpflaster, das dem Reisenden wenigstens noch drei Stunden weit das Geleit gibt, trägt eben auch nicht zur Annehmlichkeit der kleinen Reise bei, die man übrigens mit dem Eilwagen in sechs oder acht Stunden zurücklegt....In Jülich hielten wir zu Mittag; einem, unerachtet der es umgebenden Festungswerke, recht heiteren Städtchen...

Alles wäre recht leidlich, sogar mitunter recht gut und schön, wäre nur der Weg besser gehalten. So, wie er jetzt ist, wird es schwer zu glauben, daß man auf preußischem Grund und Boden sich befinde. Tiefer Sand, bis zum Unfahrbaren verdorbene Chaussée, in diesem regenreichen Sommer bodenlos gewordener Morast, wechseln auf dem ganzen Wege in ununterbrochener Reihenfolge mit dem allerholprigsten Steinpflaster von der Welt und machen ihn zu einem der unbequemsten unerfreulichsten. Und doch müssen auf ihm mehrere Tausend Reisender sich durchschütteln lasssen, die mit gefüllten Beuteln nach Aachen reisen, um mit leeren wieder heimzukehren...

Schon graute der Abend, als wir auf fast grundlosen Wegen einen ziemlich steilen Berg hinabführen, Einigemal fürchteten wir, umgeworfen zu werden, kamen aber doch glücklich hinunter und fanden uns nun plötzlich fast vor den Toren von Aachen. Die Stadt liegt mitten in einem weiten, ringsum von fruchtbar angebauten Bergen umgebenen Kessel; daher wird man sie nicht eher gewahr, als bis man ganz in ihrer Nähe anlangt...

Aachen ist eine große, uralte Stadt, viele der Straßen führen zwar sehr stark bergauf und bergab, was den kranken Brunnengästen oft sehr ermüdend wird, aber das Ganze macht dennoch einen weit freundlicheren und heiteren Eindruck als andere Städte, zum Beispiel Köln; wozu wohl hauptsächlich die große, hier durchgängig vorherrschende Reinlichkeit und die vielen elegant aufgeputzen Läden beitragen mögen...

Die Gesellschaft ist aus ganz anderen Elementen komponiert als in den übrigen deutschen, besonders aber in den böhmischen Bädern. Wie in den letzteren die reichen und vornehmen Russen und Polen, so haben in Aachen Niederländer und Franzosen das Übergewicht... Keinem fällt es ein, durch ein glänzendes Fest alles, was unter den Badegästen zu den feiner gebildeten Zirkeln gezählt werden mag, auf einen Punkt zu versammeln...Der hohe österreichische Adel, der soviel dazu beiträgt, die böhmischen Bäder glänzend und lebhaft zu machen, verirrt sich wenig hierher...Aber Engländer gibt es in Aachen wie Sand am Meer; Engländer und englische Damen und engliche Kinder, wohin man den Blick wendet. Freilich aber tragen diese ihr ungeselliges, abstoßendes Wesen hier ebensogut zur Schau wie anderswo. Die schönen englischen Pferde, die sie mitbringen, die Gewandheit und Grazie, mit der die eleganten Ladys auf den Promenaden häufig als ebenso kühne wie geschickte Reiterinnen sich produzieren, gewähren indessen dem müßigen Zuschauer einen ebenso interessanten als angenehmen Anblick, und so tragen sie denn nach ihrer Art zur Verschönerung und Belebung des hiesigen Aufenthalts das ihrige bei...

Wir...wurden in dem ältesten, berümtesten Gasthofe, dem Kaiserbade, untergebracht, wo wir mit ein paar nicht allzu bequemen Hinterzimmerchen um einen ziemlich hohen Preis vorlieb nehmen und obendrein froh sein mußten, ein Unterkommen gefunden zu haben, denn alles war von Fremden überfüllt. Auch befanden wir uns im übrigen dort recht wohl: die große, durch ganz Aachen herrschende Reinlichkeit gibt auch der schlechtesten Wohnung einen eigenen Reiz. Und wie weit diese getrieben wird, mußte ich alle Morgen bewundern, wenn ich in dem mit Quadersteinen gepflasterten Hofe unter uns Leute sah, die eigens dazu angestellt waren, auch das kleinste Gräschen, das über Nacht in den Ritzen zwischen den Steinen aufgekeimt war, sorgfältig zu vertilgen...

Ein tausenjähriger Tempel, von Karl dem Großen der heiligen Jungfrau geweiht, auf seinen Befehl unter der Leitung Eginhards, romantischen Andenkens, erbaut – schon in dem bloßen Gedanken liegt so viel Feierliches, Erhabenes, Poetisches, daß ich, die ich in Köln so viele alte Kirchen mit großem Interesse besuchte, es nicht unterlassen durfte, auch zu dieser, mit Recht hochberühmten, zu wallfahrten.

 
 

zurück

 

© Dr. Adam Oellers - Alle Rechte vorbehalten