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Braunkohle-Tagebau

 
aus: Heinrich Böll, Nordrhein-Westfalen (1960)

Wenn man von Westen nach Osten durch dieses vielfältig gegliederte Bundesland fährt, empfindet man die Unterschiede als ebenso groß wie auf der Fahrt von Norden nach Süden; zwischen Köln und Aachen, bis nahe an den Niederrhein und die Eifel zieht sich ein zweites, fast völlig unbekanntes Kohlenrevier: Braunkohle wird hier im Tagbau abgebaut, in der Nacht wirken die riesigen Bagger wie Ozeandampfer auf den Hängen der tiefschwarzen Gruben, die sich unerbittlich über Dörfer hinweg auf die großen Städte wie ein Aussatz zufressen, eine Welt der Maulwürfe, die ihre Beute in gewaltigen Öfen verbrennen und ihren Qualm auf die menschlichen Siedlungen zuschicken; vor dem Mammon, der ihren Beherrschern zur Verfügung steht, fallen die ältesten Grenzen und Privilegien, Wasser, Erde und Wald beugen sich ihm, wie sie sich vor den Erdölraffinerien beugen, die am Rheinufer ihre abstrakten Kulissen errichten.

 
 

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