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Stahlbetonhallen der 1920er Jahre in Aachen

In einer von traditioneller Architektur und Sakralbauten geprägten Stadt wie Aachen werden die seltenen Beispiele moderner Industriebauten schnell zu Zeugnissen einer baukünstlerischen Avantgarde – sofern sie denn als solche erkannt werden: Im Jahre 1924 wurde von den TH-Architekten Theodor Veil und Otto Nauhardt im Ostviertel eine LKW-Garage für die Kohlengroßhandlung Hubert Einmal, Aachen errichtet (heute Kongreßstr. 23). Es handelt sich um eine zweigeschossige Kuppel aus teilweise frei geführten Stahlbetonrippen, welche über einem offenen Betonkranz eine tambourartige Lichtkuppel aus Glasbausteinen tragen. Technisches Vorbild war hier die Breslauer „Jahrhunderthalle“ (Max Berg, 1911-13). Das äußerlich unscheinbare Bauwerk ist bis auf die störenden Abflussrohre in der Halle heute noch weitgehend erhalten. Auch bei der Aachener Schlachthoferweiterung wurden die neuen zeitgemäßen Industriebauten hinter einer eher traditionelleren Außengestaltung verborgen. Nach Plänen von Stadtbaurat Kirchbauer (1926/28) entstanden u.a. die Fleischmarkthalle (kriegszerstört) und die nebenliegende Fleisch-Verladehalle (noch ohne neue Nutzung). Beide Hallen waren aus mächtigen Stahlbetonbogenbindern konstruiert, die ihre Vorbilder in der Münchner Großmarkthalle haben (Richard Schachner 1908-12). Die „Kongreßgarage“ und die Bogenhalle des Schlachthofs gehören zu den wenigen noch erhaltenen profanen Beispielen dieser raumgreifenden Hallenarchitektur. Beide Bauwerke sind auch ein Zeugnis dafür, dass im Rheinland die wenigen frühen Vorbilder moderner technischer Ingenieurbauten zügig rezipiert werden und daß anstelle der älteren Eisenkonstruktionen hier auch eigene Lösungen gefunden werden. Als wichtige Aachener Bauwerke mit zeitgenössischen Stahlskelett-Konstruktionen gelten der auf Stahlbetonpfeiler aufgeständerte Bau der ehem. Schirmfabrik Brauer (1928, Josef Bachmann, heute Ludwig Forum) und vor allem das erst 1930 nach einer Planänderung vollendete, anschließend ganz mit Naturstein verkleidete Lochner-Hochhaus am Bahnhof (Entwurf Emil Fahrenkamp, 1925).


Kongreßgarage, 1923/24

Ehem. Schlachthof, Fleischversandhalle, 1928
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